Gnade! (fast nur Fakten)

Haft

Sophia Sabina Apitzsch, genannt „Prinz Lieschen“ wird 1716 vom Schöppenstuhl in Leipzig verurteilt: Stockschläge und Verbannung. Doch Kurfürtst August der Starke mildert die Strafe ab: statt mit Stauben soll sie mit Ruten bestraft und anschließend ins Zucht-, Armen- und Waisenhaus Waldheim gebracht werden. 

Damals sind die Fenster der Anstalt noch nicht vergittert, das wird erst später gemacht, um die Gefangenen am Selbstmord durch Herausspringen zu hindern. Nur 20 Prozent der Menschen dort sollen Sträflinge gewesen sein.

Ob Sophia, als die Tür sich hinter ihr schließt, ahnt, wie bald sie wieder frei sein wird? Knapp zweihundert Jahre später wird Karl May über seinen Aufenthalt im selben Gefängnis folgendes, wohl auch ihre Stimmung treffendes, schreiben:

Ich bat, isoliert zu werden; man gestattete es mir. Ich habe vier Jahre lang dieselbe Zelle bewohnt und denke noch heut mit jener eigenartigen, dankbaren Rührung an sie zurück, welche man stillen, nicht grausamen Leidensstätten schuldet. Auch die Arbeit wurde mir lieb. Sie war mir hochinteressant. Ich lernte alle Arten von Tabak kennen und alle Sorten von Zigarren fertigen, von der billigsten bis zur teuersten. (…) Als ich einmal eingeübt war, brachte ich mein Pensum spielend fertig und hatte auch noch stunden- und halbe Tage lang übrige Zeit. Diese Zeit für mich verwenden zu dürfen, war mein innigster Wunsch, und der wurde mir eher, viel eher erfüllt, als ich es für möglich hielt. 

Karl May, „Mein Leben und Streben“, 1910

Briefe

Ich weiss nicht, ob Sophia Sabina Apitzsch aus dem Gefängnis Briefe schreiben durfte. Sie soll eine ungewöhnlich gute Bildung erhalten haben, gekonnt hätte sie es vielleicht. Nehmen wir es an: An wen hat sie geschrieben?

Hat sie Pläne geschmiedet?

Hatte sie Zweifel?

Happy End

1717 wird „Prinz Lieschen“ entlassen. Ihr Weg nach hause, nach Lunzenau in Mittelsachsen, wird zum Triumphzug. Überall kennt man sie. Sie wird die Erzschelmin genannt und dafür gefeiert, dass sie die Obrigkeit an der Nase herumführte. 

War sie so frei, wie eine Frau es sein konnte? Um dem Kammerrat eine Lektion zu erteilen, befiehlt der Kurfürst, dass sie alles, was Volkmar ihr geschenkt hat, behalten soll. „Ferner hatte sie täglich einen Reichstaler zum unterhalte von ihm zu beziehen“, sagt das Büchlein mit dem wunderbaren Titel: „Augustusburg – Merkwürdigkeiten des Schlosses, der Stadt und der Umgebung“.

Sie starb 1752 sie an ihrem Geburtsort in Lunzenau.